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Laufen, wo die Sonne niemals untergeht

© Photo: Aapo Laiho
© Photo: Aapo Laiho

Die Uhr zeigt 23:12Uhr. Ich schau aus dem Fenster unseres Hotelzimmers. Die Sonne scheint und ich sollte dringend ein paar Stunden Schlaf finden, schließlich warten am folgenden Tag 55 lange Trail-Km auf mich. Aber die Sonnenstrahlen da draußen um diese Uhrzeit irritieren mich. Wo ich bin? Im finnischen Lappland, rund 200km nördlich des Polarkreises in einem Ort namens Levi. Kennt man vielleicht vom Skizirkus im Winter. Auf dem kleineren Berg direkt neben unserem Hotel findet sogar immer ein Slalom-Weltcuprennen statt. Ich ziehe die Vorhänge zu und krieche unter die Decke. Morgen also ist es endlich soweit: Ich laufe einen Ultratrail, auf den ich mich die ganz Saison schon so sehr gefreut habe. Nicht nur die Rentiere, die hier überall rumspringen, sondern auch meine Vorfreude vermitteln ein bisschen das Gefühl von Weihnachten.

 

© Photo: Aapo Laiho
© Photo: Aapo Laiho

Vor zwei Tagen sind wir angereist. Über Helsinki nach Rovaniemi und dann weiter mit dem Auto nochmals zwei Stunden in den Norden. Hier oben ist nichts mehr. Nur Natur und eine atemberaubende Weite. Immer wieder stehen vereinzelt Häuser am Straßenrand. Blockhütten oder Holzhäuser, rot angestrichen, die mich so sehr an die Kindergeschichten von Astrid Lindgren erinnern. 3h Flug und wir befinden uns in einer komplett anderen Welt. Diese Weite strahlt eine unglaubliche Ruhe aus. Ich fühle mich sofort wohl, abseits von all dem Trubel in der Großstadt. Hier oben scheint die Welt in Ordnung zu sein. 

Am Tag vor dem Rennen holen wir unsere Startnummern und machen unsere ersten Laufschritte auf finnischem Boden. Es fühlt sich gut an ein wenig zu Laufen und anders als noch bei dem ein oder anderen Rennen früher in der Saison überwiegt eine riesige Vorfreude und nicht die Nervosität und Anspannung. Ich bin gespannt was auf mich zukommt, freue mich aber zugleich auf eine wunderschöne Landschaft und spannende Trails. Ich sollte nicht enttäuscht werden.

© Photo: Moritz Berger
© Photo: Moritz Berger

Nun liege ich hier, draußen die Sonne und ich hellwach. Ich denke an das Jahr zurück. An das, was seit der WM im letzten Jahr alles passiert ist. Meinen Umzug nach Köln, den Start ins Arbeitsleben, die wenige Zeit die mir auf einmal nur noch fürs Training zur Verfügung stand, die Verzweiflung im Winter... Es war nicht leicht am Anfang und ich habe mich oft gefragt, ob ich überhaupt nochmals an die Erfolge der letzten Jahre würde anknüpfen können. 12 Wochen vor dem Freiburg Marathon bot sich dann endlich mal wieder etwas mehr Zeit fürs Training. Die Arbeit wurde mehr und mehr zur Routine, die Abläufe strukturierter und die Möglichkeit wieder öfters die Laufschuhe zu schnüren nutzte ich. Ich wollte, und ich konnte... Von Trainingseinheit zu Trainingseinheit entwickelte sich nach und nach so etwas wie eine Form. 6 Wochen vor dem Freiburg Marathon entschloss ich mich dann kurzfristig zu melden und dieses Rennen wieder als erste große Herausforderung in Angriff zu nehmen. Der Ehrgeiz war geweckt. Und wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg. Dass am Ende dann der dritte Sieg und eine persönliche Bestzeit auf dem Papier standen, damit hatte ich am allerwenigsten gerechnet. Und dennoch fiel eine enorme Last von mir ab und dieses Erlebnis zeigte mir einmal mehr: Wo Leidenschaft, Disziplin und Ehrgeiz sind, ist der Erfolg nicht weit.  

Nicht, dass es auf der Straße kein Spaß machen würde und auch ein Großteil meiner Trainingsläufe musste gezwungenermaßen in Köln auf Asphalt und ohne Höhenmeter stattfinden, aber das eigentliche Ziel sollte auch dieses Jahr wieder in den Bergen und auf den Trails dieser Welt liegen. 

© Photo: Privat
© Photo: Privat

Den Einstand im Gelände gab ich Ende April in Innsbruck beim Trailrun-Festival. Es war ein bretthartes Rennen werden. Die Leichtigkeit am Berg, die mich letztes Jahr noch so beflügelt hatte, war weg. Der Freiburg Marathon steckte mir noch in den Knochen, ich fühlte mich energetisch leer. Egal! Abhaken, weitermachen, trainieren.... Und wie war das nochmal? Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Bei einer kleinen Trailveranstaltung durchs schöne, bayrische Pfreimdtal kehrte allmählich wieder die Freude und Motivation zurück. Es folgten kontinuierliche Wochen des Trainings, im Schwarzwald, Bayrischen Wald oder im Umland von Köln. Immer auf der Suche nach Höhen- und Kilometern. Es sollte sich auszahlen. Der Sieg beim Basetrail XL im Rahmen vom Zugspitz Ultratrail war die Belohnung. Noch immer war das Gefühl am Berg nicht das selbe wie im vergangenen Jahr, aber zum ersten Mal fühlte ich mich wieder bereit Vollgas zu geben, Druck zu machen, zu kämpfen und alles aus mir raus zu holen. 

© Photo: Aapo Laiho
© Photo: Aapo Laiho

Und nun also Finnland! Morgen! Start 12 Uhr mittags... Es kann losgehen. Die Nacht war gut und in den direkten Stunden vor dem Start mischt sich unter die riesige Vorfreude dann doch ein wenig Nervosität. Gut so! Adrenalin, Fokussierung... und dann der Startschuss. Ich laufe verhalten an. Den ersten Anstieg direkt nach dem Start versuche ich mein Tempo zu finden, auf die Atmung zu achten, mich zu konzentrieren. An Position 3 liegend habe ich die Spitze immer im Blick. Ich bin innerlich ruhig, gelassen, konzentriert und mit diesem immens wichtigen Selbstvertrauen zu wissen, dass ich jedes Tempo würde mitgehen können; dieses Gefühl, das so entscheidend und so leistungsbestimmend ist auf den langen Distanzen. Nach und nach arbeite ich mich nach vorne. Bei Hälfte des Rennens die erste Verpflegungsstation. Lange will ich mich nicht aufhalten. Kurz etwas trinken, die Flaschen auffüllen und weiter. Weiter in die unendliche Schönheit des finnischen Lapplands. Der Trail ist technisch schwer. Kein Schritt ist wie der andere, einen Rhythmus zu finden schier unmöglich. 

Verblocktes Gelände, tiefer Boden...Traillauf vom Feinsten. Ich laufe mein Ding, kann mein Rennen machen.

© Photo: Aapo Laiho
© Photo: Aapo Laiho

Auf einem längeren "Flachstück" kurz nach der VP1 setze ich mich an die Spitze des Feldes. Es läuft super und macht unglaublich viel Spaß! Alles passt! Die Uhr ist in diesem Moment egal. Es rollt einfach.

Auf der letzten höheren Erhebung hat man einen atemberaubenden Blick. Sonnenstrahlen lassen die unendlich Weite in einem bezaubernden Licht erscheinen! Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. "Es war der tollste Moment im ganzen Rennen", werde ich später sagen.

Ich begebe mich in den langen Downhill bis zum Ziel: 15km sieht das Profil bis Hetta noch vor. Ab 10km vor dem Ziel führt der Lauf über breite Forststraßen. Noch einmal ist mentale Stärke gefordert. Denn bei aller Schönheit, bei aller Begeisterung und bei aller Freude bei einem solchen Lauf: 55km bleiben eben 55km und werden hinten raus verdammt lang. Also Kopf ausschalten, beißen, und immer schön Druck machen.

Schließlich ist das Ortsschild von Hetta in Sichtweite. Der Einlauf über den roten Teppich ist fantastisch und fühlt sich einfach nur toll an. Die Uhr stoppt bei 4:28h. Was für ein Lauf!

Leckere Suppe, Blaubeersaft und eine heiße Dusche später fühle ich mich wieder frisch und voller Tatendrang. Die Sonne steht am Himmel, die Stimmung ist ausgelassen. Siegerehrung. Mit dem Bus geht es zurück zum Startpunkt. Ich schaue aus dem Fenster, blicke in die unendliche Weite, lasse meine Gedanken schweifen. Am Horizont durchfluten die letzten Sonnenstrahlen des Tages das finnische Lappland. Die Uhr zeigt 0:00Uhr - Mitternachtssonne! Was für ein atemberaubendes Laufwochenende!