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Grenzerfahrungen an der Zugspitze

©Harald Wisthaler - www.wisthaler.com
©Harald Wisthaler - www.wisthaler.com

Meine Uhr zeigt 6:30Uhr und ich laufe...mal wieder...! Es geht bergauf, irgendeinen kleinen Singletrail in den Alpen! Direkt vor mir blicke ich auf durchtrainierte, sehnige Läuferbeine, die leichtfüßig den Anstieg nach oben tippeln. Hinter mir höre ich ein gleichmäßiges, ruhiges Atmen. Wir sind zu dritt an diesem ersten Anstieg eines Marathonlaufs, den ich im Nachhinein als einen der Schönsten und Spektakulärsten seiner Art betiteln würde.

Nebelschwaden und eine unangenehme Luftfeuchtigkeit ziehen um uns herum. 6:30Uhr! Das ist normalerweise überhaupt nicht meine Zeit und wir sind schon seit einer halben Stunde unterwegs. Noch halb verschlafen schleiche ich den Berg nach oben, versuche mich zu konzentrieren...meinen gewohnten Rennrhythmus, meine Motivation, meinen Willen zu finden! Es fällt mir schwer! Die Beine, der Kopf... alles scheint noch nicht so ganz bei der Sache zu sein. Und dieses Tempo am Anfang ist irgendwie auch gar nicht so langsam! Was mache ich hier bloß???

Ich befinde mich in der Führungsgruppe vom "Rock the Top - Trail Marathon" hinauf auf die Zugspitze! Ja richtig, auf die Zugspitze: Den höchsten Punkt, den Deutschland zu bieten hat. Schwere 45km, gespickt mit 4000Hm bergauf und rund 2000Hm bergab liegen vor uns! 

Allmählich werden die Bäume kleiner, der Nebel lichter und mein Laufgefühl besser. So langsam bin ich in der Realität angekommen und ganz langsam verspüre ich wieder diese Freude und Lust ein langes, hartes Rennen bestmöglich zu finishen... Ich wage einen Blick zur Seite! Tief unten im Tal hängt der Nebel, dem wir entflohen sind. Um uns herum werden die Berge von der morgendlichen Sonne angestrahlt. Es sind diese Momente, in denen ich scheinbar unendliche Energie verspüre und die mir ein riesiges Lächeln aufs Gesicht zaubern.  

Der erste Downhill ist schwierig, das Geläuf rutschig, durchsetzt mit Wurzeln und losem Gestein und noch dazu extrem steil. Immer wieder taumelt einer von uns Dreien, die wir die erste Stunde des  Rennens gemeinsam absolviert haben. In den ersten langen Downhill hinab ins Tal, zurück in den Nebel, gehe ich in Führung liegend und stelle nach einigen Metern fest, dass ein kleines Loch zwischen mir und den beiden anderen Jungs entstanden ist. Ok, nun also alleine. Die Uhr zeigt km 10. An der ersten Verpflegungsstation nehme ich bewusst nichts auf... ich habe noch genug dabei und möchte möglichst schnell eine größere Lücke zwischen mich und meine Verfolger legen. Ab jetzt bin ich wohl endgültig in diesem ganz speziellen Rennmodus, in dem man bereit ist alles zu geben...und manchmal auch ein bisschen mehr.

Ein Zwischenstück mit vielen kurzen, giftigen An- und Abstiegen kommt mir in dieser Phase sehr gelegen. Ich kann aufs Tempo drücken, kann Boden gut machen. VP2 läutet den nächsten längeren Aufstieg ein. Es ist steil und wie gewohnt geht es zunächst durch Wälder, Sträucher, Wiesen und schließlich Geröllfelder bis hinein in die Scharte, die den höchsten Punkt dieses Anstiegs darstellt. Der Trail ist spektakulär und wunderschön! Zu diesem Zeitpunkt habe ich keine Ahnung, wie weit ich meinen Verfolgern enteilt bin. 

Der Downhill ist wieder einer der schwierigeren Sorte. Ich lasse es laufen, konzentriere mich auf das Setzen der Füße und sonst nichts! Platz zum Nachdenken gibt es nur in den Aufstiegen. Und ein solcher folgt... und was für einer! VP3 und jetzt geht das Rennen eigentlich erst richtig los. Wieder geht es steil bergauf über Almen, Skipisten nach oben. Geradewegs hoch... Direkt und ohne Serpentinen! Wie ich in diesem Moment die Streckenplaner verfluche. Ich denke an den ersten Anstieg und meine müden Beine zurück... Wo sind die anderen beiden? Wie ergeht es ihnen?  Das sah so locker bei Beiden aus, als wir heute morgen um 6 gestartet sind. Ich richte meinen Blick nach vorne...  Es wird alpin, richtig alpin! Klettern, gehen, springen... Ich liebe diese Passagen! Vor mir sehe ich zum ersten Mal das Ziel: die Veranstalter haben es wieder einmal zum Sonnalpin, einer Skistation knapp 300Hm unterhalb des Gipfels, verlegt. Zu hoch ist das Gewitterrisiko an diesem Tag! Es sieht so nah aus... meine Uhr zeigt km 40. Endphase! ich drehe mich um, erblicke den langen Trail, den wir mühsam nach oben gestapft sind. Die letzten Meter werden zur Qual, zur mentalen und physischen Herausforderung! Den Blick für die Schönheit der Natur habe ich diesem Moment nicht mehr! Mein Blick richtet sich stier nach vorne! Ich bin leer, fertig, am Ende... Ich versuche an schöne Dinge zu denken, an Dinge und Menschen die mich motivieren, die mitfiebern. Ich versuche den Schmerz wegzudenken! Einen Schritt vor den anderen! Ganz einfach!

Schließlich liegen die allerletzten Meter vor mir, natürlich bergauf! Und ja, in diesem Moment beginne ich zu begreifen, dass ich diesen Lauf als Erster beenden werde! Die Zuschauer, das Zielband, ich habe es geschafft! Ich sinke zu Boden, schließe die Augen - 5:22h - was für ein Rennen! 

Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich über mir die Zugspitze! So nah und doch so fern! Der Gipfel, auf den ich vor 20 Jahren voller Stolz gestiefelt bin! Nun bin ich wieder hier... wieder stolz und unglaublich glücklich! Natürlich Ehrensache, nach einer ausgiebigen Pause später noch "privat" die letzten Höhenmeter zum Gipfel zu bewältigen und einen weiteren perfekten Tag in den zu beschließen...

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Kommentare: 1
  • #1

    Wolfgang Keller (Mittwoch, 03 August 2016 12:07)

    Hi Lukas, Was für ein Spaß Deinen Laufbericht zu lesen und danach sich das Video anzuschauen. Herzlichen Glückwunsch für dieses riesige Rennen. kein Weichei sein und auf die Zähne beißen können, gepaart mit läuferischer Klasse, das muss man halt erst mal draufhaben. Also, tiefe Verbeugung, Gruß Wolfgang