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Mein erstes Mal...

©Benedikt Seidl
©Benedikt Seidl

Ich schaue an mir runter: Da steht in großen weißen Buchstaben GERMANY auf meinem Trikot! Ich schaue nach links: USA, ITALY, BULGARIA... ich schau nach rechts: GREAT BRITAIN, IRLAND... mir läuft es kalt den Rücken herunter. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Gänsehaut! World Championships! So surreal und doch real... Ich bin dabei und es ist ein unglaubliches Gefühl! Seit ich diesen Sport betreibe habe ich davon geträumt, eines Tages einmal mein Land bei einer großen internationalen Meisterschaft vertreten zu dürfen; einmal in meinem Leben das Nationalmannschaftstrikot überstreifen zu dürfen. Jetzt renne ich gemeinsam mit den weltbesten Trail- und Bergläufern in den ersten langen Anstieg. Die Sonne scheint, die Bedingungen sind perfekt... Es ist angerichtet aus diesem 18. Juni 2016 einen ganz besonderen Tag zu machen!

 

Vorne geht die Post ab... Kaum zu glauben, dass jeder hier im Feld 42km mit knapp 3000 Höhenmetern vor sich hat. Ich reihe mich ein in ein Feld voller bedeutender Namen, voller Ehrfurcht und Respekt und trotzdem gewillt der Welt zu zeigen, was in mir steckt. Groß ist die Gruppe, die sich um Position 10 herum sortiert. Ich übernehme die Führung, versuche dadurch meinen eigenen Rhythmus zu finden, sich nicht mitreißen zu lassen. In den Serpentinen blicke ich mich um und sehe aufgereiht Athleten aus allen Nationen dieser Welt...einer fitter aussehend als der andere. Schon Tage vor dem Rennen habe ich mir ausgemalt, wie das Rennen wohl ablaufen wird, welches Tempo angeschlagen wird, wie sich meine Beine anfühlen sollten am ersten Berg. Und nun, in diesem Moment, in dem die ersten schweren Kilometer absolviert werden, verspüre ich ein gutes Gefühl, das mir Sicherheit geben würde für das gesamte Rennen. Die Beine sind frisch, das Tempo ist nicht unmenschlich... ich fühle mich stark und konkurrenzfähig. Jetzt nur nicht überpacen, einfach mitlaufen, konzertiert sein Ding machen und genießen! Wer weiß, wie oft man noch die Möglichkeit bekommt bei einem solchen Event laufen zu dürfen.

Den ersten Berg erreiche ich ca. an Position 6 liegend. Ich befinde mich im Tunnel, fokussiert auf das, was kommt. Ich gehe im Kopf das Streckenprofil durch. Der erste Berg ist geschafft, aber im Grunde war das bloß der Auftakt - 13km... und noch knapp 30 liegen vor uns. Die Landschaft ist atemberaubend schön, wie ich später auf Fotos feststelle. In jenem Augenblick kreisen meine Gedanken um andere Dinge! Ich begebe mich in den Downhill, lasse es laufen oder besser, ich vermute ich lasse es laufen. Der Weg ist steil, alpin, hoch anspruchsvoll... Liegt mir eigentlich, denke ich! Die Jungs hinter mir sind da scheinbar anderer Meinung. Einer nach dem anderen zieht an mir vorbei in einem Tempo... Naja, Risiko ist untertrieben, lebensmüde trifft es eher! Egal... WM... was die können, kann ich auch! Also hinterher! Ich bleibe dran, irgendwie. Als es wieder flacher wird, finde ich mich in einer Dreiergruppe mit einem Engländer und einem Italiener wieder. Gemeinsam absolvieren wir das wellige Zwischenstücke zwischen dem ersten und zweiten Berg. Position 6, 7, 8.Zum ersten Mal wage ich mir Gedanken über eine mögliche Top-10 Platzierung zu machen. Wenn jetzt noch alles gut läuft... nein, nein, nicht daran denken! Weiter laufen, konzentrieren, essen, trinken.

Der zweite Berg kommt erst noch und jeder hat im Voraus behauptet, dass das Rennen dann erst richtig los geht. Auf 6km sind 1200Hm zu bewältigen. Unsere Dreiergruppe löst sich mit Beginn des zweiten Anstiegs auf. Der Italiener stürmt davon, lässt den Briten und mich stehen wie zwei Straßenlaternen. Ungläubig blicke ich ihm hinterher. Am Ende wird er Weltmeister. Ich versuche meinen eigenen Rhythmus wieder zu finden. Gar nicht so leicht nach einem so harten Downhill. Die Beine sind müde, die Kräfte schwinden, der Weg wird immer steiler. An Laufen ist nicht mehr zu denken, Gehen ist ab sofort das Mittel zum Zweck. Es wird ein Kampf gegen den Berg und seinen eigenen Körper! Es ist die Phase des Rennens, in der es vor allen Dingen auf eines ankommt: die psychische Willensstärke! Etwas mehr als eine Stunde schwerste Arbeit, dann ist das Ende des zweiten Berges endlich in Sicht. Oben schütte ich zwei Becher Cola in mich hinein. Der Brite ist in Sichtweite, ca. 100-200m vor mir. Wenn ich richtig gerechnet habe, müsste ich an Position 7 liegen. Es stehen die letzten 7km bergab ins Ziel an. Ich versuche Gas zu geben, technisch sauber zu laufen, die Füße gut zu setzen und Druck zu machen. Immer wieder geben meine Muskeln nach und ich sacke in mich zusammen. Weiter, immer weiter! 4km vor dem Ziel wird der Weg zu einer breiten Forststraße. Der technische Part ist geschafft, jetzt wirklich nur noch laufen lassen, laufen lassen, laufen lassen...3min auf den Kilometer und trotzdem nicht schnell genug! Ein weiterer Brite und ein Pole ziehen an mir vorbei. Ich fühle mich, wie ein absoluter Laufanfänger. Irgendwann höre ich einen Zuschauer den letzten Kilometer ankündigen. Ich mobilisiere nochmals alle meine Kräfte, überhole den Briten, der auf dem zweiten Berg noch ein paar Meter vor mir war und laufe als 8. über die Ziellinie. Völlig entkräftet, völlig leer, Schmerzen am ganzen Körper und dennoch einer der schönsten Momente in meinem Leben! Wie sehr ich diesen Sport liebe... 

 

Am Ende ist ein 8. Platz im Einzel und eine Bronzemedaille mit der Mannschaft etwas, mit dem ich niemals gerechnet hätte! Mir fällt es schwer, auch jetzt, knapp 2 Wochen nach dem Event, das Geschehene zu realisieren. Ich bin unglaublich dankbar dafür, dass ich die Chance bekommen habe, dabei sein zu dürfen. Nicht nur das Rennen, sondern die ganzen 4 Tage in Slowenien mit einem fantastischen Team, waren einzigartig! Vielen Dank an die Betreuer, die an der Strecke beste Arbeit geleitet haben, vielen Dank an alle daheim, die mitgefiebert und Daumen gedrückt haben und den größten Dank an meine Mannschaftskollegen, die alle großartige Leistungen abgerufen haben und durch die das Event zu einem einmaligen Erlebnis wurde! 

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Kommentare: 2
  • #1

    Alex Meisolle (Freitag, 01 Juli 2016 12:14)

    Momente die dir keiner mehr nehmen kann ! Toller Typ .... mach weiter so ....

  • #2

    Tabitha (Samstag, 02 Juli 2016 19:18)

    Lukas das ist ein fesselnder Bericht! Was für eine Leistung! Go on!