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Berge, Laufen, Leben... 

Die Vorfreude auf mein eigenes, gemütliches Bett, auf gutes Essen und eine anständige Dusche war groß nach 5 Tagen Abenteuer in den Schweizer Alpen. Faszinierend und toll, wie man sich nach einer solchen Tour auf die einfachen Dinge des Lebens freuen kann und wie belanglos irgendwelche Konsum- und Luxusgüter werden. 5 Tage voller Emotionen, Kampf, Schweiß, Glückseligkeit liegen hinter mir. Zur Vorbereitung auf den Trans Alpine Run Ende August wollte ich den Gondo Marathon laufen. Mein erster Wettkampf über zwei Tage mit je einem Marathon und deutlich über 2000Hm, wow! Trotz Vorfreude auf dieses Event war die Ungewissheit enorm und viele große Fragezeichen über den taktisch richtigen Rennverlauf, über die richtige Ernährung usw. schwebten mir die Tage vor dem Rennen im Kopf. Eines allerdings merkte ich am Samstag Morgen vor dem Start ziemlich schnell. Die Verbissenheit vieler egoistischer Köpfe, wie man sie bei Bahn- oder Straßenwettkämpfen erlebt, ist bei Trailläufern in dieser Form nicht vorhanden. Vielmehr ist es ein großes Miteinander, ein "Sich-freuen" auf fantastische Landschaften, Natur und Trails, ein "Bewältigen-wollen" der Herausforderung. Diese Ruhe ließ meine Nervosität sinken. Irgendwie konnte ich mich mit dem "Traillauf-Flair" sofort identifizieren.

Um 8 Uhr der Startschuss bei sehr bescheidenem Regenwetter. Die ersten Schritte waren merkwürdig. Ständig hatte ich im Hinterkopf, dass man nun an 2 Tagen mindestens ca. 8 Stunden durch die Alpen rennen würde. Nicht nur real, sondern auch mental ist das ein riesiger Berg, der sich da vor einem auftürmt. Vor 3 Jahren bestand ein Wettkampf für mich noch aus knappen 4 Minuten mit 20er Laktatwerten... total absurd, aber irgendwie auch genau die Herausforderung, die ich wollte! Ich versuchte meinen Rhythmus zu finden. Was ist das richtige Tempo? Wie sollten sich die Beine am ersten Tag nach 10km, 20km, 30km oder im Ziel anfühlen? Wie weit konnte und durfte ich an Tag 1 an mein Limit gehen ohne am nächsten Tag einzugehen wie eine vertrocknete Primel? Der wunderschöne Trail das Tal entlang, hoch auf den Simplon Pass machte es mir leicht jeden Schritt zu genießen. Es machte unglaublich viel Spaß, obwohl ich schon recht schnell alleine vorne an der Spitze rannte. Nach jedem spannenden Abschnitt freute ich mich auf den nächsten interessanten Teil. Ich kam super voran und meine Beine mucksten kein bisschen rum. Es fühlte sich an, als würden sie all das  genau so genießen, wie mein Kopf. Den höchsten Punkt an diesem Tag bei km 23 erreichte ich im dicken Nebel, irgendwo in den Alpen auf knapp 2500m, alleine und keinen blassen Schimmer davon, wie weit meine Verfolger hinter mir waren. Ich hatte ein gutes Gefühl, aber die Vorstellung nun noch 20km bergab laufen zu müssen, beängstigte mich doch ein wenig. Auf dem Abstieg realisierte ich nach und nach, was hier eigentlich gerade vor sich ging. KM 30, da fängt doch ein Marathon erst richtig an und als ob das nicht schon genug wäre, folgte das Ganze am darauffolgenden Tag noch einmal. Ein erstes mentales Tief versuchte ich mit einem Riegel zu überbrücken. Einfach an etwas anderes denken und laufen, laufen, laufen... Es klappte und je näher ich dem Ziel kam, desto mehr löste sich die Anspannung und die Ungewissheit, ob ich das alles überhaupt überstehen würde. Nach 3:44h beendet ich die erste Etappe als Führender. Es begann das Warten auf meine Verfolger. 14min hatte ich an diesem Tag heraus gelaufen. Einerseits beruhigend, andererseits ließen mich meine Zweifel, wie ich am folgenden Tag nochmals einen Marathon mit einem etwas schwierigeren Profil überstehen sollte, nicht los. Essen, essen, essen und dann versuchen zu schlafen, im Zelt auf einer 1cm dicken Isomatte, immer noch voller Adrenalin und Anspannung. Es klappte erstaunlicherweise ganz gut.

Um 5 Uhr am Morgen klingelte der Wecker und der große Moment stand bevor: Wie würden sich meine Beine anfühlen, wenn ich mich völlig verpennt aus dem Zelt quetschen würde... Es war ok! Frisch und voller Energie wäre absolut übertrieben, aber zumindest hielt sich der Muskelkater in Grenzen. Um 7 Uhr  startete die 2. Etappe. Jagdstart! Mein Verfolger durfte sich also noch 14min länger auf den großen Moment des Loslaufens freuen. Meine ersten Meter gingen fantastisch. Ich fand sofort wieder meinen Rhythmus, machte mir keine Gedanken über das, was noch vor mir lag. Bei ca. km 11 dann das Missgeschick. Ich folgte der Wegmarkierung (die wh von jemandem absichtlich oder unabsichtlich falsch umgehängt wurde), geradewegs zurück in das Tal, das ich kurz zuvor hinter mir gelassen hatte. Das es nicht stimmen konnte, merkte ich erst, als ich am selben Abzweig stand, wie vor ca. einer halben Stunde. Was tun? Ich entschied mich den Berg auf bergabgelaufenem Weg wieder zu erklimmen. Ich merkte wie das Adrenalin mich plötzlich hellwach machte. Das konnte und durfte nicht wahr sein. Dass mich dieser Umweg im Endeffekt rund 10min gekostet hat, konnte ich nur schätzen. Ich wusste ebenso wenig, wo sich meine Verfolger befanden, als ich den richtigen Weg wieder erreichte. Egal, weiter, immer weiter und ruhig bleiben. Gar nicht so einfach! Ich überholte die erste Frau, die zeitgleich mit mir am Morgen gestartet war. Sie versicherte mir, dass ich noch an der Spitze des Feldes liegen würde. Das beruhigte mich. Als mir mein Vater, der mich die ganze Zeit über betreute, dann noch zurief, dass der Abstand wieder größer werden würde, entspannte ich mich langsam von diesem Malheur. Ab dem höchsten Punkt, den ich mit rund 13min Vorsprung erreichte, folgte der lange Weg zurück ins Tal um bei km 30 in eine letzte, extrem steile Rampe zu gehen. 3km, ca. 600Hm: Qual, Schweiß und Schmerz garantiert.  3km können so lang sein... Die letzten 9km waren anspruchsvoll. Steil ging es nach Gondo hinab. Meinen Vorsprung wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich konnte schwer einschätzen, ob ich auf dem letzten extremen Streckenabschnitt bergauf Zeit verloren oder gut gemacht hatte, was bedeutete die letzten Meter bergab nochmal Vollgas zu geben...so gut das eben ging nach 75km. Die Uhr zeigte eine Gesamtzeit von 8:09h, als ich endlich das Ziel in Gondo erreichte.  Gänsehaut! Der Vorsprung war auf beruhigende 35min angewachsen... Freude, Erleichterung, Stolz! Je mehr die Anspannung abfiel, desto größer wurden die Schmerzen und die Erschöpfung, aber egal: Ich hatte meinen ersten Zweitages-Etappenlauf bewältigt und in Anbetracht des Verlaufens auch noch in einer respektablen Zeit. Ich war einfach nur glücklich!

Da nach einer solchen Belastung die ersten 2-3 Tage an Laufen nicht wirklich zu denken ist, nutzte ich die Regeneration um anschließend an das Event noch ins Nachbartal zu fahren und gemeinsam mit meinem Vater zwei 4000er zu besteigen. Ein wunderschöner Biwakplatz, bestes Wetter und traumhafte Touren abseits von jeglicher Zivilisation. Das Leben in seiner Einfachheit in Mitten der Berge, in Mitten beeindruckender Natur genießen... Einen besseren Abschluss konnte ich mir für 5 großartige Tage in den Alpen nicht vorstellen. Und ich komme wieder: Trans Alpine Run 2015, ich bin bereit!  

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